Oleg Senzow © Eva Vradiy

Oleg Senzow, Serhiy Zhadan und Vadim Neselovskyi

„Filmen, schreiben, leben – jetzt erst recht!”

Ein ukrainischer Abend mit Oleg Senzow, Serhiy Zhadan und Vadim Neselovskyi

Als dieses Frühjahr Oleg Senzows autobiografischer Band „Leben” erschien, war uns schnell klar, dass wir einen Abend für den inhaftierten Filmemacher und Sacharow-Preisträger machen möchten. In lakonisch-schönen Kurzgeschichten erzählt der auf der Krim geborene und aufgewachsene Oleg Senzow von seiner Kindheit und Jugend zu spätsowjetischen Zeiten. Zum Zeitpunkt der deutschen Veröffentlichung von „Leben”, saß er das fünfte Jahr in sibirischer Lagerhaft und es war nicht absehbar, dass sich das so bald ändern könnte.

Bei der Konzeptplanung wurde uns klar, dass wir zu „Leben” den ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan mit seinem aktuellen Buch „Internat“ einladen sollten. Auch weil Zhadan sich zu mehreren Anlässen vehement für die Freilassung Oleg Senzows einsetzte und im Mai 2018 zu den Erstunterzeichnern eines offenen Briefes an die Bundeskanzlerin und den Bundesaußenminister gehörte, in dem beide darum gebeten wurden, sich für die Freilassung Senzows auszusprechen. Vor allem aber weil Serhij Zhadan zu den wort- und wirkmächtigsten Autoren seiner Generation gehört und in seinen klugen, pointierten, von bestechender Weitsicht geprägten Texten schon lange den unheilvollen Weg des Krieges in der Ostukraine beobachtet und thematisiert.
Zu unserer Freude sagten sowohl Serhij Zhadan als auch der in Odessa geborene, in Dortmund und New York lebende, Pianist und Komponist Vadim Neselovskyi sofort zu.
Es sollte ein Abend für Oleg Senzow werden, an dem wir an ihn und seine ungerechtfertigte Inhaftierung erinnern wollten. Aber auch ein Abend, an dem wir uns mit der Situation in der Ostukraine und der Besetzung der Krim auseinandersetzen wollten, Ereignisse, die schwerlich von Olegs Schicksal zu trennen sind.

Als wir einen Termin im Herbst festlegen wollten, erreichte uns am 7. September 2019 die wundervolle Nachricht, dass Oleg Senzow aus der Lagerhaft entlassen wurde! Im Rahmen des mit großer Öffentlichkeit vollzogenen Gefangenenaustauschs zwischen der Ukraine und Russland ist auch er frei gekommen.

Somit disponierten wir noch einmal neu und laden nun am 10. Januar 2020 zu unserer größten Freude zu einem Abend nicht für sondern mit Oleg Senzow!

 

Oleg Senzow
Leben – Geschichten

In »Leben« erzählt Oleg Senzow von seiner Kindheit und Jugend. Die acht autobiografischen Geschichten zeigen, »wie er zu dem furchtlosen Menschen wurde, der er heute ist«. (Andrej Kurkow). Übersetzt wurden sie von Irina Bondas, Kati Brunner, Claudia Dathe, Christiane Körner, Alexander Kratochvil, Lydia Nagel, Olga Radetzkaja, Jennie Seitz, Andreas Tretner und Thomas Weiler.

»Allesamt sind Senzows Geschichten, Sätze und Worte Lebenszeichen eines ungebrochenen und nach Freiheit strebenden Künstlers …«
(Amnesty Journal)

Oleg Senzow, geb. 1976 in Simferopol auf der Halbinsel Krim, ist ukrainischer Autor und Filmemacher. Kurzfilme: »Ein idealer Tag für Bananenfische« (2008) nach der Erzählung von J. D. Salinger und »Das Jahr des Stiers« (2009). Sein erster Langspielfilm »Gamer« (2011) lief mit beachtlichem Erfolg auf internationalen Filmfestivals. Außerdem schrieb Senzow einen Roman und eine Anzahl autobiografischer Erzählungen, von denen die acht Geschichten des vorliegenden Bandes 2015 erstmals im Verlag Laurus auf Russisch erschienen sind.
2013/14 unterstützte er den Maidan in der Ukraine.Während der Annexion der Krim durch Russland im Frühjahr 2014 leistete er humanitäre Hilfe. Am 11. Mai 2014 wurde er mit drei weiteren Aktivisten wegen angeblicher terroristischer Handlungen vom Inlandsgeheimdienst FSB in Simferopol festgenommen. Die Anklage lautete auf Gründung einer terroristischen Vereinigung, Senzow wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Menschenrechtsorganisationen Memorial und Amnesty International schätzten das Verfahren und Urteil gegen Senzow als politisch motiviert und vorfabriziert ein und stellten gravierende Verstöße gegen internationale Rechtsnormen fest. Im Mai 2018 trat Senzow in einen unbefristeten Hungerstreik, den er wegen seines kritischen Gesundheitszustandes im Oktober 2018 abbrach.
Zahlreiche Medien, Intellektuelle und AktivistInnen schrieben über den Fall. Insbesondere während der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland im Juni 2018 fanden Protestaktionen in aller Welt statt. 2018 verlieh das Europäische Parlament den Sacharow-Preis für Menschenrechte an Oleg Senzow. Alle Aktionen blieben ohne Resultat. Bis zum 7. September 2019 und saß Senzow im Straflager Nr. 8 in Labytnangi nördlich des Polarkreises in Haft.

 

Serhij Zhadan
Internat – Roman

In Bildern von enormer Eindringlichkeit schildert Serhij Zhadan, wie sich die vertraute Umgebung in ein unheimliches Territorium verwandelt. Mindestens so eindrucksvoll ist seine Kunst, von trotzigen Menschen zu erzählen, die der Angst und Zerstörung ihre Selbstbehauptung und ihr Verantwortungsgefühl entgegensetzen. Seine Auseinandersetzung mit dem Krieg im Donbass findet mit seinem Roman Internat ihren vorläufigen Höhepunkt.
Ein junger Lehrer will seinen 13-jährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt nach Hause holen. Die Schule, in der seine berufstätige Schwester ihren Sohn »geparkt« hat, ist unter Beschuss geraten und bietet keine Sicherheit mehr. Durch den Ort zu kommen, in dem das zivile Leben zusammengebrochen ist, dauert einen ganzen Tag.
Der Heimweg wird zur Prüfung. Die beiden geraten in die unmittelbare Nähe der Kampfhandlungen, ohne mehr sehen zu können als den milchigen Nebel, in dem gelbe Feuer blitzen. Maschinengewehre rattern, Minen explodieren, öfter als am Tag zuvor. Paramilitärische Trupps, herrenlose Hunde tauchen in den Trümmern auf, apathische Menschen stolpern orientierungslos durch eine apokalyptische urbane Landschaft.

»Serhij Zhadan … hat den bislang wohl wichtigsten Roman über den Krieg in seiner Heimat geschrieben, ohne Ideologie, ohne Vereinfachung und mit unvergesslichen Bildern.«
Natascha Freundel, NDR.de

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw, wo er bis heute lebt. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte Gedichtbände und zahlreiche Essay- und Prosawerke, in denen er sich auf vielfältige Weise mit der politischen Situation in der Ostukraine auseinandersetzt Für Die Erfindung des Jazz im Donbass (im Original unter dem Titel: Vorošylovgrad [früherer Name von Luhansk]erschienen) wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. Für sein Buch Mesopotamien wurde er im Oktober 2015 mit dem Mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus ausgezeichnet. Mit seiner Band Sobaky w kosmossi (deutsch: Hunde im Kosmos) tritt er auch als Texter und Sänger in Erscheinung und ist Akteur und Impulsgeber der kulturellen Szene weit über Charkiw hinaus.

 

Vadim Neselovskyi

Vadim Neselovskyi geboren und aufgewachsen in Odessa, wurde dort im Alter von 15 Jahren als jüngster Student am Konservatorium aufgenommen. 1995 kam er mit seiner Familie als jüdischer Kontingentflüchtling nach Unna-Massen und dockte über die Jugendkunstschule in Unna bald an die hiesige Jazz-Szene an. Er studierte an der Essener Folkwang Hochschule und an der Hochschule für Musik in Detmold und siedelte 2001 in die USA über, wo er sein Studium am renommierten Berklee College of Music in Boston mit dem Diplom abschloss und einen Master am Thelonious Monk Institute in New Orleans erwarb. Ab 2004 war er mit Gary Burton und dessen Next Generation Projekt auf Tournee durch die USA, Europa und Japan. 2007 legte er sein Debütalbum Spring Song vor, an dem die holländischen Sängerin Vera Westera mitwirkte. 2009 erschien zusammen mit befreundeteten Musikern aus dem Umfeld der JKS Unna, dem East-West-Quartett (Dimitry Tyelmanov-tr, Uli Bär-bass, Christian Finger-dr) das Album My Secret. Im selben Jahr nahmen ihn Herbie Hancock und Dee Dee Bridgewater mit auf eine Tour durch Indien. 2010 gewann er die Thelonious Monk International Jazz Competition. 2011 entstand sein Soloalbum Music for September, das von Fred Hersch für Sunnyside Records produziert wurde. 2013 spielte er im Trio Bez Granitz mit Bodek Janke (Percussion) und Alexander Morsey (Bass). Seit 2011 bis heute arbeitet er im Duo mit dem grandiosen russischen Wald-, Alp- und Flügelhornisten Arkady Shilkloper (Moscow Art Trio) zusammen. 2014 erschien ihr gemeinsames Album Krai. 2017 spielte er im Duo mit der Sängerin Tamara Lukasheva; außerdem legte er das Album Get Up and Go mit seinem New Yorker Vadim Neselovskyi Trio vor. (Ronen Itzik – dr, Dan Loomis – bass). Seit 2013 ist Vadim Neselovskyi zudem Assistant Professor für Piano am Berklee College of Music in Boston.

 

Moderation: Gregor Schnittker & Dr. Frederike Jacob
Lesung der Deutschen Texte: Daniel Berger

10.01.2020 | 20.00 | domicil Dortmund
Eintritt VVK 19 Euro/13 Euro ermäßigt
(inklusive Gebühren)

TICKETS: Eventim-Shop

 

Datum

10.Jan.2020

Uhrzeit

20:00 - 22:30
Kategorie